Adipositas war ein Schwerpunktthema der ADBW-Jahrestagung, hier die Video-Statements und ein Beitrag zu oralem Semaglutid

Beim ADBW-Kongress in Stuttgart betonten viele Referenten, dass die Gewichtsreduktion Teil der Diabetologie ist und die Behandlung der Adipositas bei den Diabetologen, den Diabetesberaterinnen und den Ernährungsteams verankert werden muss, auch über die neue Weiterbildung Adipositas. Hier im Newsletter erläutern einige der Referenten dieses wichtige Thema in kurzen Video-Statements. So haben Sie noch einmal die Möglichkeit die zentralen Punkte in kompakter Form zu sehen. Kurz nach dem Kongress wurde Semaglutid für die GLP-1-Therapie auch als Tablette auf den Markt gebracht. ADBW-Vorstandsmitglied Dr. Astrid Tombek ist jüngst in einem Seminar darauf eingegangen, für den Newsletter hat sie die wichtigsten Punkte zur Verfügung gestellt.
Orales Semaglutid: GLP-1-Therapie als Tablette – was Patienten noch wissen sollten
Semaglutid ist vielen inzwischen als injizierbarer GLP-1-Rezeptoragonist bekannt. Mit der oralen Darreichungsform steht erstmals eine Tablette zur Verfügung, die denselben Wirkstoff nutzt – allerdings mit besonderen Anforderungen an Einnahme, Aufnahme und Beratung.
Wie funktioniert die Tablette?
Proteine und Peptide wie Semaglutid würden im Magen-Darm-Trakt normalerweise rasch abgebaut und nur sehr schlecht aufgenommen. Die Semaglutid-Tablette enthält deshalb neben dem Wirkstoff den Resorptionsverstärker SNAC (Sodium N-(8-[2-hydroxybenzoyl]amino)caprylate). Dieser erhöht lokal und vorübergehend den pH-Wert im Magen, schützt Semaglutid vor enzymatischem Abbau und erleichtert die Aufnahme über die Magenschleimhaut. Da trotz dieser Technologie nur ein sehr kleiner Anteil des Wirkstoffs systemisch verfügbar wird, muss die tägliche orale Dosierung deutlich höher sein als bei der subkutanen wöchentlichen Injektion. Weiterhin entscheidend ist die korrekte Einnahme: nüchtern, mit wenig Wasser und mit ausreichendem Abstand (ca. 8 Stunden vor Einnahme und ca. 1 Stunde nach Einnahme) zu Nahrung, Getränken und anderen Arzneimitteln (1–3).
Magenschleimhaut: Türöffner und Beratungsaspekt
Die Aufnahme findet überwiegend im Magen statt – ein für Peptidmedikamente ungewöhnlicher Weg. Daraus ergeben sich praktische Fragen: Reizungen der Magenschleimhaut sind nicht vordergründig bekannt. Auch sind keine Wechselwirkungen mit der Einnahme von Protonenpumpenhemmern bekannt. Dennoch treten unter GLP-1-Rezeptoragonisten allgemein häufig gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Völlegefühl, Sodbrennen oder Erbrechen auf. Bestehende Magenbeschwerden, eine eingeschränkte Nahrungsaufnahme oder häufiges Erbrechen sollten deshalb ernst genommen und ärztlich abgeklärt werden. In der Beratung hilft es, kleinere Portionen, langsames Essen, fettärmere Mahlzeiten und eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu thematisieren (4,5).
Abwasser und Umwelt: ein wachsender Blickwinkel
Mit der zunehmenden Verordnung von GLP-1-Rezeptoragonisten rücken auch Umweltfragen stärker in den Fokus. Arzneistoffe und Abbauprodukte können grundsätzlich über Ausscheidungen oder unsachgemäße Entsorgung in das Abwasser gelangen. Für Semaglutid liegen bislang keine breit kommunizierten Hinweise auf ein spezifisches Umweltproblem vor; dennoch gilt wie bei allen Arzneimitteln: Tablettenreste gehören nicht in Toilette oder Waschbecken, sondern sollten entsprechend den lokalen Empfehlungen über Apotheke, Schadstoffsammlung oder Restmüll entsorgt werden. Dieser Hinweis ist einfach, aber wichtig – gerade wenn Medikamente häufiger und langfristig eingesetzt werden (6,7).
Was heißt das für die ernährungsbezogene Praxis?
Orales Semaglutid ersetzt keine Ernährungstherapie, sondern verändert deren Rahmenbedingungen und macht eine begleitende multimodale Therapie mit Ernährungsberatung, Sporttherapie und Schulung zwingend nötig, um langfristige Erfolge zu sichern. Appetit, Portionsgrößen, Mahlzeitenstruktur und Verträglichkeit können sich deutlich verschieben. Beratungsfachkräfte können Patientinnen und Patienten dabei unterstützen, trotz reduzierter Energiezufuhr eine gute Protein-, Ballaststoff- und Mikronährstoffversorgung zu sichern, Nebenwirkungen alltagsnah zu managen und unrealistische Erwartungen an eine „Tablette zum Abnehmen“ einzuordnen.
Kurzfazit
Für die Praxis bleiben drei Punkte zentral: korrekte Einnahme, Beobachtung gastrointestinaler Beschwerden und sachgerechte Entsorgung unter fachlicher kontinuierlicher Begleitung.
Literatur
- Buckley ST, Bækdal TA, Vegge A, Maarbjerg SJ, Pyke C, Ahnfelt-Rønne J, et al. Transcellular stomach absorption of a derivatized glucagon-like peptide-1 receptor agonist. Science Translational Medicine. 2018;10(467):eaar7047. doi:10.1126/scitranslmed.aar7047.
- Davies M, Pieber TR, Hartoft-Nielsen ML, Hansen OKH, Jabbour S, Rosenstock J. Effect of oral semaglutide compared with placebo and subcutaneous semaglutide on glycemic control in patients with type 2 diabetes: The PIONEER 1 randomized clinical trial. JAMA. 2019;321(15):1466–1480. doi:10.1001/jama.2019.2942.
- U.S. Food and Drug Administration. Rybelsus (semaglutide) tablets: Prescribing information. Aktuelle Fachinformation/Labelinformationen zur oralen Einnahme und Pharmakokinetik.
- Husain M, Birkenfeld AL, Donsmark M, Dungan K, Eliaschewitz FG, Franco DR, et al. Oral semaglutide and cardiovascular outcomes in patients with type 2 diabetes. New England Journal of Medicine. 2019;381:841–851. doi:10.1056/NEJMoa1901118.
- Nauck MA, Meier JJ. Management of endocrine disease: Are all GLP-1 receptor agonists equal in the treatment of type 2 diabetes? European Journal of Endocrinology. 2019;181(6):R211–R234. doi:10.1530/EJE-19-0566.
- aus der Beek T, Weber FA, Bergmann A, Hickmann S, Ebert I, Hein A, Küster A. Pharmaceuticals in the environment—Global occurrences and perspectives. Environmental Toxicology and Chemistry. 2016;35(4):823–835. doi:10.1002/etc.3339.
- Umweltbundesamt. Arzneimittel richtig entsorgen: Hinweise zur Vermeidung von Arzneimittelrückständen im Abwasser. Berlin: Umweltbundesamt; laufend aktualisierte Verbraucherinformation.
Video-Statements vom ADBW-Kongress zur Adipositas
Dr. Nina Bergis vom DIAmedicum Bad Mergentheim spricht im Video vom Paradigmenwechsel bei Adipositas, die nun nicht mehr als Willensschwäche der Menschen, sondern als chronisch neuro-endokrine Erkrankung verstanden wird.
Prof. Martin Heni vom Universitätsklinikum Ulm sagt: „Wir Diabetologen sind die Adipositas-Experten“ und fordert zur Weiterbildung als Adiposiologe auf.
Dr. Emre Tanay, Leiter des Adipositaszentrums am Klinikum Stuttgart erläutert die Möglichkeiten der stationären bariatrischen OP bei Adipositas als aktuellem Standard in Deutschland.
Dr. Tobias Meile von der Adipositaspraxis Reutlingen spricht über die positiven Erfahrungen mit der ambulanten bariatrischen Chirurgie in den Niederlanden.
Birgit Bäurle vom Ernährungsteam am Klinikum Stuttgart betont, warum eine gute Ernährungsberatung bei der medikamentösen und chirurgischen Behandlung der Adipositas unabdingbar ist, um Mangelerscheinungen zu vermeiden.
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